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Aktuelles aus dem Medizinrecht

  • 26.08.2017 | Behandlungsfehler, wenn Patient nicht wieder kommt
  • Zur ordnungsgemäßen Behandlung eines Patienten gehört stets auch die Pflicht des Arztes zur therapeutischen Beratung. Insbesondere bei onkologischen Krankheitsbildern hat diese ärztliche Beratung eine weitreichende Bedeutung.

    Der Patient erfährt in der Regel erst im Gespräch mit dem Arzt von seiner oft lebensbedrohenden Diagnose und den sich daraus ergebenden Konsequenzen. Umso entscheidender ist es, dass der Arzt dieses Beratungsgespräch mit entsprechender Sorgfalt führt und den Patienten über alle wichtigen Aspekte, insbesondere die Risiken, Verfahren, Aussichten, und Alternativen, der Behandlung informiert. Der behandelnde Arzt hat insbesondere dafür zu sorgen, dass ein solches Aufklärungsgespräch stattfindet und umfänglich dokumentiert wird. Wie eine aktuelle Entscheidung des Landgericht (LG) Kleve zeigt, reicht es dabei nicht aus, mit dem Patienten einen Wiedervorstellungstermin zu vereinbaren. (Urteil vom 05.10.2016 - Az. 2 O 194/13)

    1.    Der Fall
    Der im Behandlungszeitpunkt 50 Jahre alte, stark nikotinabhängige Patient wurde erstmals im Mai 2010 mit einer Dysphonie beim beklagten HNO-Arzt vorstellig. Die Untersuchung ergab eine auffällige, tumorverdächtige Veränderung im Bereich der rechten Stimmlippe. Mit Verdacht auf das Vorliegen eines Karzinoms überwies der HNO-Arzt den Patienten an das später ebenfalls verklagte Krankenhaus. Nach weiteren Untersuchungen wurde dort ein beidseitiges Reinke-Ödem bei normaler Stimmfunktion diagnostiziert. Das linke Stimmband wies zudem eine exophytisch aufgeworfene Leukoplakie auf. Es erfolgte deshalb ein linksseitiges Stimmlippenstripping mit Gewebeentnahme zur histologischen Untersuchung. Am Tag nach dem Eingriff wurde der Patient auf eigenen Wunsch entlassen.

    Die histologische Untersuchung ergab, dass bei dem Patienten ein dringend behandlungsbedürftiges Larynxkarzinom vorlag. Das Krankenhaus teilte dies dem erstbehandelnden HNO-Arzt umgehend mit. Der betroffene Patient erfuhr von den Befundergebnissen jedoch erst neun Monate später, im Februar 2011, als er wegen akuter Heiserkeit erneut seinen HNO-Arzt aufsuchte. Dieser informierte den Patienten sodann darüber, dass sich der Verdacht eines Karzinoms bestätigt habe und er dringend behandelt werden müsse. Der Patient wurde daraufhin erneut im Krankenhaus, in dem er auch zuvor schon behandelt worden war, vorstellig. Dort diagnostizierten die Ärzte eine beidseitige Leukoplakie. Mehrere Untersuchungen und Probeentnahmen ergaben schließlich, dass die Krebsgeschwülste bereits so weit fortgeschritten waren, dass der Kehlkopf nicht erhalten werden konnte. Es wurde eine Laryngektomie durchgeführt. Aufgrund nachträglich eingetretener Komplikationen und Wundheilungsstörungen musste der Kläger noch weitere 14mal operiert werden.

    Der Patient, der seit der Durchführung der Laryngektomie auf ein Tracheostema angewiesen ist, erhob Klage gegen den HNO-Arzt und das Krankenhaus. Er warf ihnen vor, er sei nicht rechtzeitig über den Befund informiert und deshalb verspätet behandelt worden.

    2.    Die Entscheidung
    Das Landgericht sprach dem Patienten ein Schmerzensgeld in Höhe von 20.000 Euro sowie den Ersatz künftiger Schäden durch das beklagte Krankenhaus zu. Das Krankenhaus habe den Kläger nicht ausreichend informiert und damit seine Pflicht zur therapeutischen Beratung verletzt. Ein Arzt sei verpflichtet, einen von ihm untersuchten Patienten über ärztlich gebotene Maßnahmen und ihre Dringlichkeit zu informieren. Er müsse außerdem auf die Gefährlichkeit eines Unterlassens der ärztlichen Behandlung hinweisen und über etwaige Konsequenzen aufklären. Um dieser Pflicht gerecht zu werden, hätte das Krankenhaus vorliegend den histologischen Befund mit dem Patienten besprechen und ihn auf die Dringlichkeit der Behandlung des Tumors hinweisen müssen.

    Das Vorbringen des Krankenhauses, es sei ein Wiedervorstellungstermin vereinbart worden, zu dem der Patient nicht erschienen sei, war nach Auffassung des Gerichts nicht von Bedeutung. Auch den Einschätzungen des gerichtlich bestellten Sachverständigen, der seitens des Krankenhauses keinen Behandlungsfehler feststellte, schlossen sich die Richter nicht an. Es gehöre vielmehr zum guten ärztlichen Standard, den Patienten „ausreichend“ über Untersuchungsergebnisse und die sich daraus ergebenden Behandlungen und Therapien in Kenntnis zu setzen. Dazu genüge es nicht, einen Termin zur Wiedervorstellung zu vereinbaren oder den Patienten ein paar Mal anzurufen. Vielmehr müsse ein nicht erschienener und telefonisch nicht erreichbarer Patient auch auf schriftlichem Wege entsprechend informiert werden. Vorliegend hätte das Krankenhaus deshalb den Patienten, der nicht mehr persönlich erschien und nach Angaben des Krankenhauses auch auf keinen Anruf reagierte, schriftlich auf die Dringlichkeit einer erneuten Vorstellung und der Besprechung der Befundergebnisse hinweisen müssen.

    Das Gericht stellte außerdem fest, dass dem Patienten nicht vorgeworfen werden könne, dass er sich nicht eigenständig nach den Ergebnissen der histologischen Untersuchung erkundigt habe. Es sei nicht ausgeschlossen, dass der Patient davon ausging, dass es keinen bösartigen Befund gibt, da sich das Krankenhaus nicht bei ihm gemeldet hatte. Dies insbesondere auch deshalb, weil es dem Patienten nach seiner Entlassung vorübergehend gesundheitlich wieder besser ging. Die Verantwortung dafür, dass der Patient über die Befundergebnisse informiert wird, habe also allein beim Krankenhaus gelegen.

    Anders als das Krankenhaus wurde der erstbehandelnde HNO-Arzt nicht verurteilt. Er durfte nach Ansicht des Gerichts darauf vertrauen, dass das Krankenhaus, an den er den Patienten überwiesen hatte, alle notwendigen Maßnahmen durchführen würde. Den ihm zugesandten Befund habe er als Informationsschreiben verstehen dürfen, nicht aber als Aufforderung zur Weitergabe der Ergebnisse an den Patienten.

    3.    Fazit
    Die Entscheidung des LG Kleve ist für jeden Arzt, der im Rahmen seiner Tätigkeit umfangreiche Beratungsgespräche zu führen hat, von Bedeutung. Dies gilt insbesondere für Behandlungen, bei denen differenzialdiagnostische Untersuchungen vorgenommen werden, deren Ergebnis Einfluss auf den weiteren Behandlungsablauf haben. In diesen Fällen gehört es zu den Pflichten des behandelnden Arztes, den Patienten über die Ergebnisse und mögliche Folgen des Unterlassens einer weiteren Behandlung zu unterrichten.  Er hat im Rahmen seiner Möglichkeiten dafür Sorge zu tragen, dass er den Patienten erreicht und ihn informieren kann. Sollte der Patient nicht zu einem vereinbarten Wiedervorstellungstermin erscheinen, ist es Aufgabe des Arztes, den Patienten telefonisch oder schriftlich zu benachrichtigen.

    Anders als im vorliegenden, vom LG Kleve entschiedenen Fall sollte man sich aber nicht darauf verlassen, dass die Kollegen des Krankenhauses alles Notwendige dem Patienten mitteilen; vielmehr sollte man als behandlungsführender niedergelassener Arzt seinen Informations- und Aufklärungsverpflichtungen umfänglich nachkommen und den jeweiligen Patienten bei einer onkologischen Diagnose immer über die jeweils aktuellen Entwicklungen seines Gesundheitsstatus informieren.


    Köln im August 2017



 
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